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Die elegante Frau

Zu Anfang des Zweiten Kaiserreichs blieb die Mode ungefähr die gleiche wie 1850. Die Röcke wurden etwas bauschiger. Man trug Korsagen à la Vierge, à la Pompadour, à la Watteau mit Garnituren von Spitzen, Samt, Blumen, Bandrüschen, was äußerst graziös wirkte. Die Nuancierung der Farben und Stoffe ging ins Unendliche. Die Modetöne hießen »Teba«, »Glimmersteingelb«, »Sonnengelb«, »Maikäferbraun«, »verblühte Rose«, ein ganz mattes Grau und Grün waren sehr beliebt. Für Abendkleider wählte man am liebsten einen antikrosa oder antikblauen Moiré mit Seidenfransen, echten Spitzen oder weißem Straußfederbesatz garniert. Die Kleider waren noch mäßig weit und noch nicht überladen. Die Mode ähnelte in den ersten Jahren eher der Mode des Konsulats, »erst in der zweiten Periode der Regierung Napoleons III.«, sagt Uzanne, »erschien die schreckliche Krinoline, zum Erstaunen aller Französinnen, die das Lächerliche dieser unglaublichen Mode wohl fühlten.«
Zu den auffallendsten und elegantesten Frauen der Umgebung der Kaiserin gehörte die Gräfin de Castiglione, eine wunderschöne Florentinerin. Sie hatte den Grafen de Castiglione, Kabinettchef und ersten Stallmeister des Königs Viktor Emanuel, geheiratet. Nachdem sie ihn ruiniert hatte, ließ sie sich nach zweijähriger Ehe wieder von ihm scheiden.
Virginie de Castiglione kam eigentlich in einer Art diplomatischer Mission an den Hof Napoleons III. Sie war die Mätresse Viktor Emanuels, und Cavour glaubte, nicht zu Unrecht, ihre provozierende Schönheit und ihr galanter Ruf würden auf den für Frauenschönheit sehr empfänglichen Napoleon III. und seine Minister großen Eindruck machen. Madame de Castiglione sollte mit ihrer Intelligenz, ihrem anschmiegenden und gleichzeitig dominierenden Charakter den Einfluß der führenden Männer gewinnen und Cavours Diplomatie mit Frankreich unterstützen. Ihr ging der Ruf einer überaus faszinierenden Persönlichkeit voraus. Alle Zeitungen waren voll von ihr und ihrem mondänen Leben, ihren Kapricen und Extravaganzen. Sie hatte ihren Mann nie geliebt und sich mit vielen anderen getröstet. Einer der ersten war der König von Italien gewesen, obwohl er weder so jung noch so gutaussehend wie ihr Gatte war, noch irgend etwas Verführerisches in seinem Benehmen gegen Frauen besaß. Aber er war sinnlich und energisch, und beides fehlte dem jungen Grafen de Castiglione. Vergebens umgab er seine Frau mit dem größten Luxus in seinem Schloß bei Turin, vergebens stürzte ersieh in die wahnsinnigste Verschwendung, um ihre Launen zu befriedigen und ihr Leben zu verschönen. Sein Lohn ihrerseits war kalte Abweisung und ein verächtliches Lächeln. Viktor Emanuel im Gegenteil verwöhnte sie nicht. Er glänzte weder durch Eleganz, noch durch Takt, noch durch ein besonders geselliges Wesen. Er haßte alle Gesellschaften und langweilte sich tödlich auf Bällen. Die Jagd, Manöver, Paraden und die gröberen sinnlichen Vergnügungen vermochten ihn allein zu interessieren. Der Volkswitz behauptete: »Kein Monarch hat es besser verstanden als Viktor Emanuel, sich zum Vater seiner Untertanen zu machen.« Als er der Gast am Hofe Napoleons III. war, amüsierte er durch seine groben Spaße und Andeutungen aufs höchste die Herren und trieb den Damen, die gerade zu jener Zeit gewiß nicht prüde waren, die Schamröte ins Gesicht. Eine sehr geistreiche Frau in der Umgebung der Kaiserin Eugénie, die Gräfin Damrémont, schildert in köstlicher Weise die ungeschickten Zudringlichkeiten dieses italienischen Soldatenkönigs gegenüber den jungen Prinzessinnen und Damen des Kaiserhofs. Gleichzeitig werfen ihre Bemerkungen interessante Streiflichter auf die lockeren Sitten des Hofes und die frivolen Unterhaltungen, die sich ein Herr den Damen gegenüber gestatten konnte. In einem Briefe an den französischen Gesandten Thouvenet erzählt sie, wie Viktor Emanuel eines Tages der Kaiserin Eugénie eine Schmeichelei über ihre verführerische Person habe sagen wollen und nichts anderes fand als: »Eure Majestät lassen mich Tantalusqualen erleiden.« Und der Prinzessin Mathilde erklärte er ohne Umschweife, sie übe einen seltsamen Reiz auf ihn aus; er wünsche daher bei ihr hinter verschlossenen Türen empfangen zu werden; die offenen Türflügel störten ihn außerordentlich. Ein andermal bemerkte er im Salon eine Hofdame, Madame de Malaret, knüpfte mit ihr eine sehr laute Unterhaltung an und erzählte ihr, daß es alle im Umkreise hören konnten, er liebe die Französinnen hauptsächlich deshalb, weil sie keine Beinkleider wie die Turiner Damen trügen.
Welchen Eindruck konnte ein solcher »Galantuomo« auf die Frauen machen? Die Gräfin de Castiglione fragte nicht danach. Er war König, das genügte ihr. Seine Bemerkung über die Französinnen stimmte übrigens. Dieses weibliche Wäschestück hatte sich um diese Zeit noch nicht zum »erotischen Luxusartikel« entwickelt, obwohl es von der vornehmen Welt um die Mitte des 19. Jahrhunderts in die Damenmode aufgenommen worden war, besonders in England. Aber nicht alle Frauen trugen es. Man fand Beinkleider zu ungraziös, was ja tatsächlich auch die damals bis zum Knöchel reichenden unten eng zusammengezogenen Hosen waren. Erst das Ende des 19. Jahrhunderts zeitigte jene entzückenden koketten und kecken duftigen Spitzengebilde, die die elegante Frau zur Erhöhung des Reizes ihrer Körperformen anlegt und die in immer hauchdünnerem Stoff und immer kürzeren Formen im 20. Jahrhundert ihre Triumphe höchster Eleganz feiern. Die niedlichen Hemdhöschen aus Batist, Crêpe de Chine, Crêpe lavable oder Crêpe satin der modernen Frau haben, Gott sei Dank, keine Ähnlichkeit mehr mit den für das weibliche Bein so unvorteilhaften engen Röhren, die die eleganten Frauen in der Mitte des 19. Jahrhunderts zu ihren Wäschestücken zählten, und an die sich – wie es scheint mit Unbehagen – auch der König von Italien erinnerte.
Als die Gräfin de Castiglione nach Paris kam, war man höchst begierig, diese italienische Schönheit kennen zu lernen. Sie war beim auswärtigen Gesandten, dem Grafen Walewski und dessen Frau, auch einer Florentinerin, abgestiegen. Kaum war sie da, als der ganze französische Adel sich bei ihr eintragen ließ. Sie konnte sich vor Einladungen kaum retten. Zufällig fand gerade in den Tuilerien ein offizieller Ball statt, zu dem sie gebeten wurde zu erscheinen. Sie hätte sich keinen besseren Rahmen für das erste Auftreten in der Pariser Hofgesellschaft wünschen können.
Absichtlich kam sie sehr spät, um aufzufallen. Als sie gemeldet wurde, bemächtigte sich der ganzen glänzenden Gesellschaft eine derartig aufgeregte Neugier, daß beim Eintritt der Gräfin in den Festsaal die tanzenden Paare innehielten und die Musik abbrach. Allgemeine Bewunderung empfing sie. Die Kaiserin, die mit dem Kaiser tanzte, ging auf sie zu und führte sie zu einem Sessel. Napoleon bat sofort den Herzog Ernst von Sachsen-Koburg, mit der Kaiserin zu tanzen, während er die Gräfin Castiglione zu einem Walzer aufforderte und unter den Straußschen Klängen mit ihr dahinschwebte.
Aller Augen waren auf das Paar gerichtet. Der Erfolg der jungen Schönheit war vollständig. Ihr Erscheinen am Hofe wurde das Ereignis der Woche. Und jeden Tag gewann die interessante Fremde mehr Boden. Aber sie war sich auch ihres Triumphes bewußt. Ihre kostbare Person beschäftigte sie unaufhörlich, besonders wenn sie die Blicke der Männer auf sich gerichtet wußte. Immer hatte sie etwas an sich zurechtzurücken, zu zupfen, eine Locke aufzustecken, eine gelockerte Schleife zu befestigen, die tausend Falbeln ihres Kleides zu ordnen, sich zu pudern und in den Spiegel zu schauen. »Wenn sie in ihren fabelhaften Toiletten erschien und der Ballsaal gestopft voll Menschen war, stieg man auf die Stühle, um sie zu bewundern«, berichtet die Gräfin Stephanie Tascher de la Pagerie. Einmal in London, zur Ausstellung, war sie in der Oper so zauberhaft angezogen, daß die Leute auf die Sitze und Balkonrampen stiegen, um sie in ihrer Loge zu betrachten. An ihr war alles vollkommen. Von ihrem herrlichen dunklen Haar angefangen bis zu den entzückenden Füßen, die sie ebenso pflegte wie ihre reizenden schmalen Hände. Außerdem war sie ganz sie selbst. Sie ahmte nichts und niemand nach. Stets war sie individuell gekleidet, nur darauf bedacht, die ihr von der Natur so reich gewährten Gaben noch zu erhöhen und zu verschönen. Ihre immer wieder neuen Frisuren waren berühmt. Sie hatte die Mode eingeführt, lange Straußenfedern wie einen Kranz um die Coiffure zu legen, was ihre Gestalt höher erscheinen ließ und ihr ein wahrhaft königliches Äußere verlieh. Darüber geriet sie sogar ein wenig in Streit mit der Kaiserin, die in ihrer Kleidung und in ihren Frisuren mehr konservativ blieb.

Die Frisuren zwischen 1850 und 1870 sind überhaupt ein Kapitel für sich. An Kompliziertheit und Verwendung von unechtem Beiwerk geben sie beinahe den turmhohen Gebäuden des 18. Jahrhunderts nichts nach, außer daß man die falschen Locken nicht so hoch aufbaute, sondern sie mehr an den Seiten, im Nacken und als Chignon anbrachte. Aber falsch war das meiste an den Coiffuren der Damen des 19. Jahrhunderts auch. Sie waren indes nicht so unkleidsam, wie ein sonst ausgezeichnet unterrichteter Zeitgenosse jammert: »O, die fürchterlichen über die Schultern fallenden Frisuren!« ruft er aus. »Sie hatten, um mit den mondänen Loretten der Zeit zu reden, verteufelt viel Schick. Jetzt aber, aus der Ferne betrachtet, mit unserm modernen Geschmack (das heißt mit dem Geschmack von 1900), welcher Reinfall! Diese aufgelösten Haare flatterten um den Kopf herum; zum großen Teil waren sie falsch, nur angesteckt, von scharfen Bleich- und Färbemitteln verbrannt, vom Onduliereisen versengt, vom Ammoniak ausgetrocknet. Diese toten, künstlichen Haare, die als Chignon oder krause Locken unter den Samttoques hervorquollen, waren schon das allerscheußlichste Ding von der Welt. Niemals bot eine dekadente Epoche uns etwas Groteskeres … Die Frauen schienen geradezu Vergnügen daran zu finden, sich als Karikaturen herauszustaffieren … und je mehr eine Dame in ihrer Kleidung Zusammenhangslosigkeit, Verrücktheit, Unwahrscheinlichkeit bewies, desto mehr hatte sie Aussicht, als Modekönigin proklamiert zu werden … Mit den auf dem Wirbel des Kopfes aufgezwirbelten Zöpfen und Tuffs, den in den Nacken oder über die Schultern fallenden Schlangenlocken, den in Reihen geflochtenen Zöpfen, ondulierten Schmachtlocken und Zimpelfransen, die bald bis in die Augen hingen, hatten die Gesichter der Frauen nichts von jener Anmut an sich, die nur eine natürliche Frisur verleiht. Alles war falsch, theatralisch, geschmacklos. Oft, wenn sie zu diesen Haarwülsten oder Haarkaskaden noch einen kleinen, wie eine Bonbonniere geformten Toque hinzufügten, und wenn sie in ihren kurzen Kleidern in schreienden Farben, vielleicht gerade in den Modefarben eines Rennstalls, mit Sonnenschirmen, Schmucksachen und allen möglichen Uhr- und anderen Gehängen von Gold einhergingen, so muß man schon gestehen, daß die Frauen alle wie kostümierte Affen aussahen, die man gerade zu einer Affenmaskerade losgelassen hatte.«
Dieser etwas bissige Berichterstatter mag vom Standpunkt des modernen Geschmacks recht haben. Er vergißt indes, daß jede Mode, und ist sie auch noch so komisch, noch so grotesk, noch so unpraktisch und unvorteilhaft, zu ihrer Zeit ihren Reiz hat und als schön und kleidsam empfunden wird. Und besieht man sich die Schönheitsgalerie der Frauen des Zweiten Kaiserreichs, so kann man nicht sagen, daß sie »wie angeputzte Affen« aussehen. Madame de Castiglione übrigens war der Mode immer um einige Jahre voraus. Sie hielt sich weder streng an falsche Locken noch an Fischbeinpanzer und Reifrock, die eine Dame des Zweiten Kaiserreichs zu den absolut nötigen Requisiten ihrer Garderobe zählte. Das Mieder, das mit seinen tausend Möglichkeiten beim An- und Auskleiden in den Nuancen der Erotik der Frau ein so bedeutender Faktor war, spielte bei der Gräfin de Castiglione eine sehr geringe Rolle. Sie besaß andere Mittel, erotisch auf die Männer zu wirken, und brauchte dazu weder Krinoline noch Fischbeinpanzer. Im allgemeinen trug sie, wie viele andere elegante Frauen, ein Roßhaarpolster über den Hüften, so daß das Kleid nur an dieser Stelle gebauscht war und sonst in weichen Falten herabfiel. Ihre straffe, wundervoll geformte Büste bedurfte keiner Stütze. Am Abend erschien sie in tief ausgeschnittenen Kleidern, die die Schultern, den ganzen Rücken und die Brüste freiließen. Damit gewann sie wohl die Zustimmung und offene Bewunderung der Männer, aber die Damen, die sich ein so tiefes Dekolleté nicht leisten konnten, waren chokiert. Sie wählte zarte, weiche, anschmiegende Stoffe, unter denen ihre herrlichen Formen zur Geltung kamen. Die Krinoline trug sie nur, wenn sie bei Hofe vorschriftsmäßig erscheinen mußte.

Den größten Triumph aber feierte ihre kühne Phantasie auf den damals sehr beliebten Kostüm- und Maskenbällen. Dann konnte sie die wundervolle Plastik ihres Körpers in aller Freiheit sehen lassen. Einmal erschien sie auf einem solchen Fest in Compiègne als Salambo in einem völlig durchsichtigen Musselingewand ohne andere Unterkleidung als einen seidenen Trikot. Und ein andermal als »Herzdame«. Ihr dunkles Haar war aufgelöst und fiel über den nahezu nackten Oberkörper bis in die Kniekehlen herab. Überall auf ihrem Kostüm waren Herzen angebracht. Eins sogar unterhalb des Gürtels. Als Kaiserin Eugénie sie wegen dieses originellen Kostüms beglückwünschte, meinte sie etwas ironisch: »Das Herz ist etwas tiefgerutscht.« Man sprach noch lange in den Hofkreisen von diesem gewagten Kostüm der schönen Gräfin, und der Klatsch nahm kein Ende. Der scharfzüngige Viel Castel berichtet über dieses Aufsehen erregende Gewand: »Gestern abend war ein schöner Kostümball beim Minister des Auswärtigen. Der Kaiser erschien dort im Domino und hatte an seinem Inkognito viel Spaß. Aber sein langsamer, linkischer Gang und die Gewohnheit, während des Sprechens seinen Schnurrbart auszuziehen, machten ihn leicht erkenntlich. Die Gräfin Castiglione, von der jedermann sagt, daß sie mit dem Kaiser sehr intim sei, hatte das phantastischste, kühnste Kostüm gewählt, das sich erinnern läßt. Der Stil des Kostüms war halb Louis XV., halb modern: »Herzdame«! Die über dem Unterrock geschürzten Röcke und das Leibchen waren von Ketten umschlungen, die aus großen Herzen bestanden. Das wunderbare Haar der Gräfin umrieselte Schläfen und Stirn und fiel in Kaskaden auf Hals und Schultern herab. Das Kostüm, strahlend von Gold, war prächtig. Etliche gute Dummköpfe bewunderten das Talent der Gräfin, daß sie mit ihren 50 000 Franken Rente einen solchen Luxus bestreiten könnte. Die Wissenden aber murmelten: ›Es gibt nur einen Kaiser, und die Castiglione ist sein Prophet.‹ Mehr als eine Dame der Gesellschaft platzte vor Neid über die Eleganz und die Schönheit der Gräfin. Die unparteiischen Männer hingegen dachten nur eins, was sie aber nicht sagen konnten: ›Ich möchte an des Kaisers Stelle sein.‹ Was die Gräfin betrifft, so trug sie ihre Schönheit mit einer gewissen Ungeniertheit und stellte reichliche Proben davon zur Schau. Man konnte eigentlich gar nicht mehr sagen, daß sie dekolletiert war. Man konnte nur die Nacktheit ihres Busens attestieren, den ein Zephirschleier höchst unzulänglich umhüllte. Das Auge verfolgte den Umriß und die geringsten Einzelheiten, und die Partie endlich, die der Schleier völlig im Stich ließ, erstreckte sich bis in die untersten Regionen.
Die stolze Gräfin trug kein Korsett. Sie würde bereitwilligst einem Phidias – falls sich heute einer fände – Modell stehen mit nichts anderem geschmückt als mit ihrer Schönheit. Ihre Büste ist wirklich bewunderungswürdig. Ihre Brust strebt stolz in die Höhe wie die der jungen maurischen Mädchen und zeigt kein Fältchen. Diese beiden Halbkugeln scheinen der gesamten Frauenwelt eine Herausforderung zuzuschleudern. Die Castiglione ist eine Buhlerin von der Art der Aspasia, stolz auf ihre Schönheit, die sie nur so weit verhüllt, als es unbedingt nötig ist, um in einem Salon Zutritt zu haben. Ein Herr sagte gestern zu ihr, als er ihre tiefdekolletierte Büste anstarrte: ›Geben Sie acht, Gräfin, auf die beiden hochmütigen Rebellen in ihrer Korsage. Gleich werden die Männer ihre Gewänder abwerfen.‹« – Das war mehr als gewagt, aber es mißfiel der Gräfin de Castiglione nicht. Die Damen waren an einen derartigen Ton gewöhnt.
Vielleicht hätte es weniger Aufwand und weniger Herausforderung bedurft, um die Sinne Napoleons III. zu entflammen. Die Schönheit Madame de Castigliones allein hätte ihn angezogen. Und obwohl sie sich selbst mit lebhaften Worten verteidigt, der Kaiserin niemals Veranlassung zur Eifersucht gegeben zu haben, so war sie doch in Wirklichkeit nicht so diskret, daß man nicht auf eine ziemlich intime Freundschaft zu Napoleon III. schließen konnte. »Meine Mutter war dumm.« sagte sie einmal zu einer Freundin; »wenn sie, anstatt mich mit Castiglione zusammenzubringen, die gute Idee gehabt hätte, mich ein paar Jahre früher nach Frankreich zu schicken, so würde jetzt nicht eine Spanierin, sondern eine Italienerin in den Tuilerien regieren.«
»Eine schöne Gräfin«, schrieb Cavour an Luigi Cibrario, den auswärtigen Gesandten, »ist zur piemontesischen Diplomatie hinzugezogen worden. Ich habe sie aufgefordert, mit dem Kaiser zu kokettieren und, wenn es sein muß, ihn zu verführen. Wenn sie Erfolg hat, habe ich ihr versprochen, daß ich ihrem Bruder den Posten als Gesandtschaftssekretär in Petersburg verschaffe. – Gestern, im Konzert in den Tuilerien, hat sie ihre Rolle ganz geheim angetreten.« Und in Compiegne scheint die reizende Nicchia, wie ihre Freunde sie nannten, diese Rolle dann weitergeführt und zu Ende gespielt zu haben. Sie selbst schrieb später, am Ende ihrer Tage, an den Rand ihres Testaments, daß man ihr als Sterbekleid das spitzenbesetzte Nachthemd anziehen möchte, das sie einst in jener Nacht in Compiègne im Jahre 1857 getragen hätte, da Napoleon III. sie zum ersten Male im geheimen ins Schloß einlud.
Nicht zum ersten Male hing das Geschick der Staaten von einem Frauenstrumpfband oder von einem noch intimeren Kleidungsstück ab. Wie weit die Gräfin Castiglione den französischen Kaiser in seiner Politik beeinflußte, ist nicht mit Bestimmtheit festzusetzen. Sichereres weiß man über die Herrschaft, die sie über sein Herz und seine Sinne ausübte. Er besuchte sie oft in ihrer sehr versteckt gelegenen Wohnung in der Rue de la Pompe. Diese Wohnung besaß einen doppelten Ausgang, eine geheime Wendeltreppe. Ein mysteriöses Etwas, das von diesem Heim einer koketten Frau ausging, schien eigens für zärtliche Zusammenkünfte geschaffen zu sein. Man klopfte oder läutete leise. Ein Fensterchen in der Eingangstüre wurde vorsichtig geöffnet. Wer ist da? – Der Herr und Meister! – Ein schwacher Lichtstreifen deutet die Richtung nach dem Boudoir der Gräfin an. Der hohe Besucher folgt diesem Schein, und nach zwei oder drei Stunden verläßt er unter demselben Zeremoniell die mysteriöse Wohnung seiner Freundin.
Gewöhnlich sprach Napoleon nicht über seine persönlichen Erlebnisse, obwohl er in bezug auf vorübergehende galante Abenteuer nicht gerade diskret war. Alle jungen Frauen an seinem Hofe hatten es auf ihn abgesehen und machten ihm Avancen. Man wußte meist sehr rasch, welche im Augenblick seine Geliebte war. Aber derartige private Ausflüge zu seinen Mätressen, wie zur Gräfin de Castiglione, wurden streng geheim gehalten. Meist war er auf diesen Wegen von einem Geheimpolizisten, der über seine Person zu wachen hatte, in einer gewissen Entfernung begleitet. Dennoch setzte er sich oft gefährlichen Lagen aus und wäre auch beinahe einmal nach einem Rendezvous bei der Gräfin Castiglione ermordet worden. Er hatte sich inkognito in seinem kleinen Kupee, ohne Lakai, nur mit seinem Leibkutscher zu ihr begeben und befand sich um drei Uhr morgens auf dem Nachhauseweg. Als der Wagen das Haus der Gräfin verlassen hatte, sah sich der Kaiser plötzlich von drei bewaffneten Leuten angegriffen. Der Kutscher riß indes die Pferde herum. Sie stürmten wild davon und rissen die drei Attentäter zu Boden, so daß der Kaiser in rasender Fahrt unversehrt die Tuilerien erreichte.
Als die Gräfin ihr Haus in der Rue de Castiglione bezog, besuchte Napoleon III. sie auch dort. Ihre Privatgemächer besaßen eine mechanische Vorrichtung, eine Art Drehtür, die die eintretende Person völlig den Blicken der Neugierigen entzog. Und so konnte auch der Kaiser, wenn er bei seiner Mätresse erschien, von zufälligen Augenzeugen nicht gesehen werden, ebensowenig wie die anderen Bewunderer, die sie in großer Zahl bei sich empfing. Nie waren ihr Herz und ihre Sinne unbeschäftigt. Sie hatte viele Liebhaber, und alle Welt wußte es, nur der Kaiser nicht. Eine Laune, ein Wunsch, vielleicht auch nur die Sucht nach Abwechslung ließ sie von einem Genuß zum anderen taumeln. Oft waren es nur Erlebnisse von einer Nacht, ein paar Stunden des Rausches. Und nicht immer gab sie Liebe um Liebe oder Leidenschaft um Leidenschaft. Viele mußten ein Tête-à-tête mit der schönen kapriziösen Frau teuer bezahlen. Der Prinz Napoleon erzählte seiner Schwester, der Prinzessin Mathilde, daß der reiche Lord Hertford die Gunst einer Nacht der tollen Gräfin für eine Million Franken abgekauft habe. Hertford selbst hatte es ihm erzählt und ihm eine Empfangsbestätigung von der Castiglione gezeigt, die er sich hatte geben lassen. Allerdings ein fabelhafter Kavalier, dieser Lord Hertford! Aber es scheint nicht, daß man der schönen Nicchia am Hofe diese Freiheiten übelgenommen hat. Sie hatte sich die Umgebung des Kaisers wie ihn selbst erobert. Sogar Eugénie, die sie nicht gerade liebte, empfing sie zu ihren Montagsgesellschaften, und bei der Prinzessin Mathilde war sie persona grata. Mathilde Bonaparte lud sie zu allen Soiréen, Diners und Konzerten ein.
Man nahm die Gräfin Castiglione so wie sie war, mit ihrem fremdländischen Charme, ihrer Ungebundenheit, ihren Extravaganzen. Ihre unglaublich freien Allüren, ihre exzentrischen Toiletten, die unerwarteten Ausbrüche ihres Temperaments, das immer bereit war, die Zuschauer irgendwie zu verblüffen, konnten gleichzeitig sehr verletzend und ungeheuer anziehend und verführerisch wirken. Wenn es ihr einfiel, verschwand sie plötzlich von einem Fest, um den Schwarm ihrer Bewunderer loszuwerden. Und wenn sich die Anwesenden fragten, »wo mag sie denn hin verschwunden sein?« erschien sie plötzlich wieder, wie hergezaubert, in einer ganz anderen Toilette, mit Blumen und Diamanten geschmückt, noch provozierender, noch faszinierender und tausendmal mehr von den Frauen beneidet als vorher.
Ihre exzentrischen Launen bildeten das Tagesgespräch von Paris. Eines Tages fiel es ihr ein, genau wie eine der berühmten »Grandes Cocottes«, die Wände ihres Salons und ihres Schlafzimmers ganz mit schwarzer Seide bespannen und auch die Möbel, das Bett etc. mit schwarzem Taffet überziehen zu lassen. Darauf empfing sie einige ihrer Verehrer in diesem wie zu einer Totenfeier hergerichteten Appartement. Sie selbst erschien in einem zarten, durchsichtigen, weißen Musselinkleid ohne Blumen, ohne Diamanten. Der Kontrast war sinnverwirrend und hatte die Wirkung, die sie wünschte. Man sprach tagelang von dieser neuen Kaprice der Gräfin de Castiglione.
Ein andermal, im Winter, als sie mit ihrem neuen Favoriten Nieuwerkerke, den sie der Prinzessin Mathilde auszuspannen gedachte, den Tee in ihrem Salon nahm, kam sie auf den Gedanken, sich mit ihm am Heiligabend um Mitternacht auf dem Dache des Louvre ein Rendezvous zu geben, um die Weihnachtsglocken läuten zu hören. Nieuwerkerke, der Generalintendant der Schönen Künste, liebte derartige Extravaganzen und ging darauf ein. Sie war pünktlich zur Stelle, und um Mitternacht konnten die Pariser sie mit dem Herrn Intendanten im Mondlicht auf dem Dache des Louvre wandeln sehen.
Sie leistete sich noch viele andere derartige Stückchen. Auch ihr früherer Gatte konnte davon erzählen. Als sie eines Tages mit ihm seine Mutter besuchen sollte, die sie wie die Pest haßte, wollte sie durchaus nicht seinem Wunsche nachkommen, bis er sie zwang, in den Wagen zu steigen, weil ein Besuch der Schwiegermutter absolut nötig war. Sie gab nach, aber auf einer Brücke zog sie sich plötzlich die Schuhe aus und warf sie in den Fluß. »Jetzt«, sagte sie zu ihrem Mann, »kannst du mich nicht zu deiner Mutter mitnehmen, denn ich kann doch nicht in Strümpfen vor ihr erscheinen.« Sie hatte ihren Willen durchgesetzt.
Das Prestige ihrer körperlichen Schönheit trieb sie bisweilen zu Überspanntheiten, die sie selbst im Krankenzimmer nicht verließen. Der Doktor Arnal, ein alter, ehrwürdiger Herr, war ihr Hausarzt und gleichzeitig der Arzt der Kaiserin. Eines Tages fühlte sich die Gräfin de Castiglione auf einer Badereise in Le Havre ernstlich krank und ließ sofort den berühmten Mediziner aus Paris rufen. Er traf in größter Eile ein und begab sich sogleich in das Hotel, wo die Gräfin abgestiegen war. Aber zu seinem Erstaunen wurde er nicht empfangen. Man bat ihn wiederzukommen. Er tat es, wurde aber wieder abgewiesen mit den Worten, die Frau Gräfin sei noch nicht in der Lage, seinen Besuch anzunehmen. Und Stunde um Stunde verrann. Endlich bekam er die Kranke zu sehen, die es so eilig gehabt hatte, ihn herbeizurufen. Um 9 Uhr früh war er bereits eingetroffen, aber erst um 2 Uhr nachmittags gestattete ihm die Gräfin, das Krankenzimmer zu betreten. Welche Überraschung bot sich ihm! Das Zimmer war angefüllt mit den herrlichsten Blumen, der ganze Fußboden, das Bett, die Sessel, das Sofa waren mit Rosen übersät. Die Kranke selbst lag herrlich geschmückt, mit Diamanten im Haar, an den Armen und um den Hals, in ihren spitzen besetzten Seidenkissen, bleich und vom Fieber geschüttelt. Die Vorbereitungen zu diesem Empfang hatten mehrere Stunden in Anspruch genommen. Und doch hatte sie sicher nicht die Absicht, den alten, nichts weniger als begehrenswerten Mann mit ihren Reizen zu verführen. Nur eine Laune hatte die kapriziöse Dame verleitet, sich als interessante und schöne Kranke den Blicken des Mannes zu zeigen. Der Ruf ihrer Schönheit und Eleganz sollte auch auf dem Krankenlager nichts an seiner Stärke einbüßen.
Das Alter überraschte sie früher, als sie gedacht hatte. Die Hauptstärke ihrer Anziehungskraft, die unvergleichliche physische Schönheit war dahin, zwar nicht mit einem Hauch, denn auch nach dem Zusammenbruch des Zweiten Kaiserreichs, im Jahre 1871, war sie noch eine ziemlich schöne Frau, immerhin war ihre Glanzzeit vorbei. Mit 35 Jahren schon war sie nur noch ein Schatten von dem, was sie gewesen. Italienerinnen altern schnell. Sie hatte gehofft, wie Ninon de Lenclos, den Jahren und dem Verfall Einhalt gebieten zu können. Sie hatte sich getäuscht. Ihr wundervolles braunes Haar wurde frühzeitig grau und spärlich, die Perlenzähne wurden schadhaft, ihre Figur nahm Rundungen an, die die klassischen Linien beeinträchtigten, das entzückende Oval des Gesichts entstellte ein Unterkinn. Mehr als eine andere Frau ihres Alters hatte sie sich über die eintretenden Alterserscheinungen zu beklagen. Die Zeit nagte unbarmherzig und verheerend an ihr. Aber diese große Kokette, diese blendendschöne Frau wollte und konnte es nicht ertragen, daß sie nicht mehr die Löwin der Salons sein, daß andere, jüngere, ihren Platz einnehmen sollten. Und sie faßte den Entschluß, sich ganz vom mondänen Leben zurückzuziehen. Sie verschloß sich in ihr Heim. Sie konnte den Gedanken nicht ertragen, daß sie jeden Tag etwas mehr von ihrer Schönheit einbüßte, sie, die Siegerin von gestern, und daß sie ohnmächtig gegen den Verfall jenes in ihrem Körper verwirklichten Frauenideals sei. Alle Schönheitsmittel halfen ihr nicht darüber hinweg, daß ihre Rolle ausgespielt war. Sie wollte nicht die Erfahrung aller alternden Schönheiten machen: daß die Augen der Männer und Frauen ironisch und grausam den Fortschritt der Zerstörung ihres Körpers beobachteten. Sie zog sich zurück. Und sie wurde vergessen in dem Trubel der Gesellschaft. In Paris erinnerte man sich zwar ab und zu noch ihres Namens, ihrer Extravaganzen und ihrer fabelhaften Eleganz. Aber bald breitete die Zeit ihre Schatten über sie, bis auch die letzte Erinnerung an sie erlosch und es ganz still um sie wurde.

Gertrude Aretz
Die elegante Frau. Eine Sittenschilderung vom Rokoko bis zur Gegenwart. Leipzig 1929

 

La Castiglione – Rachel

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